Ralf Dahrendorf: Über Grenzen
Der kürzlich verstorbene Lord hat 2005 seine Autobiographie veröffentlicht, die nicht kurz und knackig, sondern auch methodologisch interessant gelungen ist. Davon überzeugt, dass ein Lebenslauf keinem festgefügten Plan folgt, hat er seine Autobiographie nicht als zielgerichtete, Sinn stiftende Erzählung konstruiert, sondern als Sammlung unterschiedlicher, in seiner Biographie begründeter Lebensentwürfe, die sich von seinem 28. Lebensjahr aus zeitstrahlartig in die Zukunft entwickeln. Warum das 28. Lebensjahr? Dies war das Jahr seiner Habilitation (!), nach der er seine Karriere als Gelehrter, Journalist, Politiker, Diplomat und weiß der Teufel was nicht alles startete.
Ich habe wohl selten von einem so bunten Lebenslauf gehört. Nicht nur, dass er im Nazi-Reich in den Dunstkreis jugendlich-rebellischer Widerstandsbemühungen geriet und dafür sogar mehrere Wochen lang (über Weihnachten 1944 bis Ende Januar 1945) in einem GeStaPo-Gefängnis landete. Nein, der Mann musste natürlich unbedingt auch noch vom Sprachgelehrten über die Soziologie zum Politiker werden, in den Bundestag einziehen, den allzu rebellischen 68ern in den Arsch treten, dann nach England auswandern, dort Staatsbürger und Leiter der London School of Economics werden, EG-Kommissar werden und schließlich von der Queen geadelt im House Of Lords sitzen. Meine Fräse, der Typ hatte es WIRKLICH drauf.
Wer mal eine kurzweilige Lektüre für zwischendurch sucht, dem lege ich das knapp zweihundertseitige Büchlein ans Herz. Man lernt eine Menge über die Nazi-Zeit, den Widerstand, die Entstehung der Bundesrepublik und die skurrilen Lebensepisoden einer schillernden Persönlichkeit unserer Zeitgeschichte. Das Buch ist weit davon entfernt der Selbstbeweihräucherung Dahrendorfs zu dienen. Die Parteilichkeit und Subjektivität leugnet er nicht. Aber es liest sich erfrischend abgeklärt und hinreichend distanziert.
Was ich aus der Lektüre mitgenommen habe ist, dass ich jetzt doch mal Karl Poppers “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” lesen muss. 
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